Rechenzentren.Stromanker und Wärmequelle zugleich.

Rechenzentren sind energiewirtschaftlich ein Doppelgewinn für Kommunen, wenn man sie integriert denkt. Sie brauchen große Mengen grünen Strom und geben große Mengen Abwärme ab. Beides lässt sich mit dem kommunalen Energiekonzept verbinden: lokale Erneuerbare rein, Wärme ins Netz raus.

Stromspeicher: Großbatterie-Anlage in rot steht im Freien
© picture alliance/Stefan Sauer

Was das Gesetz verlangt

Das Energieeffizienzgesetz (EnEfG, § 11) stellt für Rechenzentren ab einer nicht redundanten Anschlussleistung von 300 kW konkrete Anforderungen:

  • Grüner Strom. Seit 2024 müssen mindestens 50 % des Stromverbrauchs bilanziell aus erneuerbaren Energien gedeckt werden – ab 1. Januar 2027 sind es nach geltendem Recht 100 %.
  • Abwärme nutzen. Neu in Betrieb gehende Rechenzentren müssen einen steigenden Anteil ihrer Abwärme wiederverwenden (Richtwerte: 10 % ab Mitte 2026, 15 % ab 2027, 20 % ab 2028).
  • Wärmenetze einbeziehen. Betreiberinnen und Betreiber müssen potenzielle Abwärmeabnehmerinnen und Abwärmeabnehmer informieren; eine Vereinbarung zwischen Kommune bzw. Wärmenetzbetreiber und Rechenzentrum über die Abwärmenutzung ist im Gesetz ausdrücklich vorgesehen.

Stand und Vorbehalt

Das Bundeskabinett hat am 24. Juni 2026 einen Gesetzentwurf zur EnEfG-Novelle beschlossen; das parlamentarische Verfahren (Bundestag, Bundesrat) läuft noch, ein Inkrafttreten wird für die zweite Jahreshälfte 2026 erwartet. Der Entwurf lockert vor allem die Effizienz- und Abwärmevorgaben (PUE-Grenzwerte, mehr Ausnahmen bei der Abwärmepflicht) und verschiebt zusätzlich die 100-Prozent-Grünstrompflicht vom 1. Januar 2027 auf den 1. Januar 2030. Die gestaffelten Abwärme-Mindestanteile (10 % / 15 % / 20 %) bleiben im Kern bestehen, werden aber durch neue Ausnahmen ergänzt – etwa wird interne Wärmenutzung angerechnet, und der Zielwert kann unterschritten werden, wenn ein Anschluss an ein Wärmenetz besteht. Vor Verwendung den aktuellen Gesetzesstand prüfen, da sich das Verfahren noch in der parlamentarischen Beratung befindet.

Zwei Hebel für die Kommune

Rolle des RechenzentrumsWas es bedeutetKommunaler Anknüpfungspunkt
Stromankergroßer, konstanter Verbraucher mit Grünstrompflicht – eine ideale Bandlast, die gut zu Windstrom passtDirektstromversorgung, PPA oder Direktleitung mit lokalen EE-Anlagen; das Rechenzentrum macht ein Erzeugungsprojekt wirtschaftlich
Wärmequelle
gibt ganzjährig Abwärme ab, die es nach Gesetz teilweise verwerten muss
Einspeisung in ein kommunales Wärmenetz – eine planbare, witterungsunabhängige Grundlastquelle

Zusammengedacht: rein der Strom, raus die Wärme

Der eigentliche Hebel entsteht, wenn beide Seiten verbunden werden: Eine Kommune siedelt ein Rechenzentrum so an, dass es seinen grünen Strom aus lokalen Wind- und Solaranlagen bezieht – idealerweise per Direktleitung – und seine Abwärme in ein Wärmenetz speist, das Haushalte und Betriebe versorgt. Aus einem Stromverbraucher wird so ein Baustein der Sektorenkopplung: lokale Erzeugung findet einen Anker-Abnehmer, und das Wärmenetz gewinnt eine verlässliche Quelle. Die Kommune ist dabei die Ermöglicherin – über Flächen, die Direktleitung, die Wärmenetz-Anbindung und die Abwärme-Vereinbarung.

Das verzahnt drei Bausteine des Kompasses: Strom strategisch nutzen, Wärme & Sektorenkopplung und die Direktleitung als physische Verbindung zwischen beiden.

Luftaufnahme einer hessischen Kommune im ländlichen Raum mit Solaranlagen auf Dächern
© Samuel Buscape

Praxisbeispiel Hattersheim am Main (Main-Taunus-Kreis) — Rechenzentrum heizt ein ganzes Neubaugebiet 

NTT Data · sieben Rechenzentren · Nahwärmenetz für ein Neubaugebiet

Die Rechenzentren von NTT Data in Hattersheim verbrauchen zusammen etwa doppelt so viel Strom wie die gesamte Stadt Hattersheim. Die dabei entstehende Abwärme wird über unterirdische Leitungen in ein Nahwärmenetz eingespeist und beheizt seit 2026 ein komplettes Neubaugebiet mit rund 600 Haushalten – ganz ohne eigene Gas-, Öl- oder Wärmepumpenheizung in den einzelnen Häusern. Die Leitungstrasse wurde bereits bei der Bauplanung des Quartiers mit eingeplant. „Da eine unvermeidbare Abwärme aus dem Rechenzentrum kommt, haben wir hier ein ganzes Quartier mit grüner Energie beheizt", so Andreas Flettner, Klimaschutzmanager der Stadt Hattersheim. Aktuell werden erst drei bis sechs Prozent der gesamten Abwärme des Standorts genutzt – ein Hinweis darauf, wie viel Potenzial für eine Ausweitung noch besteht.

Luftbild auf das Dorf Weissenbach mit umgebender Landschaft.
© Layoutbild / Samuel Buscape

Ein Blick über die Landesgrenze: Nierstein (Rheinhessen) — Rechenzentrum als Anker für einen neuen Windpark

NTT Global Data Centers „Frankfurt 6" · Rhein-Selz-Park · Stadt Nierstein & VG Rhein-Selz

Auf einer rund 75 ha großen Konversionsfläche entsteht eines der größten Rechenzentren Europas (geplante Anschlussleistung rund 482 MW; Baubeginn 2027, erster Teilbetrieb 2029). Die Versorgung soll vollständig erneuerbar erfolgen — über PV auf dem Gelände, PPAs und einen unmittelbar benachbarten, neuen Windpark mit rund 90 MW. Die nahegelegene Umspannstation Dexheim erleichtert den Netzanschluss; die beteiligten Kommunen haben zudem Interesse an der Nutzung der Abwärme bekundet.

Drei Sätze für die Praxis

Denken Sie ein Rechenzentrum nie nur als Stromverbraucher. Die Grünstrompflicht macht es zum Anker-Abnehmer für lokale Erneuerbare, die Abwärmepflicht zur Quelle fürs Wärmenetz. Wer beides an einem Standort verbindet, hat ein Musterbeispiel für integrierte Sektorenkopplung.

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